Es menschelt: Gemeinwohlökonomie


Weihnachten steht vor der Tür

Dem Blogger stellt sich dann die Frage: Weiter schreiben oder lieber Marzipan essen. Ich habe noch keine Entscheidung getroffen. Deshalb noch ein Artikel, der hoffentlich ein wenig in die Weihnachtszeit passt. Denn an Weihnachten steht – zumindest nachdem der Kaufrausch überstanden ist – der Mensch, die Familie, die Freunde und in dem ein oder anderen Fall auch jene Menschen im Mittelpunkt, die nicht mehr unter uns sind. Ich habe in diesem Jahr einen lieben Menschen verloren, an den ich an Weihnachten denken werde, weil es mein erstes Weihnachtsfest ohne diesen Menschen sein wird. Das Weihnachtsfest soll deshalb besonders schön sein. Für uns, aber auch für die anderen Menschen, die uns überall umgeben.

365 Tage

Unser tägliches Leben – das Weihnachten mal bewusst unterbrochen wird – wird von Gewinnstreben und Konkurrenz geprägt. Dies sind die Regeln unseres Wirtschaftssystems. Die Konsequenz: Egoismus, Gier, Geiz, Neid, Rücksichtslosigkeit und Verantwortungslosigkeit prägen dadurch unseren Alltag. Zumindest überall wo es um Wirtschaft geht, wobei Unternehmen und Politik alles dafür tun, unseren Alltag weiter “durchzuökonomisieren”. Die Basis hierfür bildet ein falsches Menschenbild, welches kulturell und gesellschaftlich geschaffen ist. Dabei ist – was wissenschaftlich hinreichend belegt ist – Kooperation und Gerechtigkeit eine menschliche Grundmotivation, die uns biologisch in die Wiege gelegt ist. Unsere private Welt ist deshalb von menschlichen Werten wie Vertrauen, Ehrlichkeit, Emphatie und Respekt geprägt.

Das falsche Menschenbild, welches unsere Welt letztendlich in eine globale ökonomische Krise getrieben hat, wird von den Profiteuren versucht aufrecht zu erhalten. Dabei erstreckt sich die Krise auf Bereiche wie z.B. die Finanzblase, Arbeitslosigkteit, Verteilungskrise, Klimakrise, Energiekrise, Hungerkrise, Konsumkrise, Sinnkrise, Demokratiekrise. Wenn nicht unsere Generation, dann werden spätestens alle nachfolgenden Generationen unter den Folgen dieser Krisen zu leiden haben.

Damit Banken sich verändern können, muss sich auch das wirtschaftliche Umfeld verändern. Banken müssen aber auch an der Neugestaltung des wirtschaftlichen Umfeldes mitwirken, denn sie sind wesentliche Träger unseres Wirtschaftssystems. Einige Banken gehen hier bereits voran. Zum Beispiel die Sparda Bank München, die seit 2011 eine Gemeinwohlbilanz erstellt.

https://www.sparda-m.de/gemeinwohlbericht.php

Buch von Christian FelberGemeinwohlökonomie

Im letzten Monat habe ich endlich die Zeit gefunden das Buch “Gemeinwohlökonomie” von Christian Felber zu lesen. Darin habe ich viele inspirierende Gedanken und Ideen gefunden. Es ist höchste Zeit, dass wir uns intensiv mit alternativen Formen des Wirtschaftens beschäftigen und dass immer mehr Menschen erkennen: Unternehmen und Wirtschaft sind veränderbar. Wirtschaft muss nicht auf Konkurrenz basieren. Unternehmen können kooperieren und sich dem Gemeinwohl verschreiben. Erfolg wird dann anders definiert und gemessen. Erfolgreiche Unternehmen sind in der Gemeinwohlökonomie sozial verantwortlich, ökologisch, demokratisch und solidarisch. Sie erstellen eine Gemeinwohlbilanz.

Alle Unternehmen verfolgen also das Ziel Gemeinwohl. Die Gemeinwohlbilanz steht somit über der Finanzbilanz, die zur Neben- oder Mittelbilanz wird. Die Finanzbilanz zeigt, wie einzelne Unternehmen ihre Kosten, Investitionen und Vorsorgen decken. Gewinne können erwirtschaftet werden, sind aber nicht das zentrale Ziel und werden, falls sie erwirtschaftet werden, als Mittel für klar definierte Zwecke verwendet. Die Gemeinwohlbilanz misst 5 zentrale Werte, die – so Christian Felber auf Seite 39 in seinem Buch – schon heute in den Verfassungen der meisten Nationen niedergeschrieben sind, aber eben nicht konsequent gelebt und gefördert werden: Menschenwürde, Solidarität, Gerechtigkeit, ökologische Nachhaltigkeit und Demokratie.

In der Gemeinwohlbilanz wird nun gemessen wie Untenehmen diese 5 Werte gegenüber ihren Anspruchsgruppen leben. Diese Anspruchsgruppen sind alle Personengruppen, die durch die Tätigkeit eines Unternehmens berührt werden. Also: Zulieferer, Geldgeber, Mitarbeiter, Kunden, Mitunternehmen, Standortgemeinden, zukünftige Generationen und die Umwelt. Es entsteht eine Gemeinwohlmatrix. Die fünf Grundwerte sind auf der waagerechten X Achse, die Anspruchsgruppen auf der senkrechten Y Achse angeordnet. In der Schnittstelle werden aktuell 18 Gemeinwohlindikatoren wie z.B. die Sinnhaftigkeit der Produkte und Dienstleistungen, die Humanität der Arbeitsbedingungen, die ökologisch Nachhaltigkeit der Produktion usw. gemessen. Alle Indikatoren sind eindeutig messbar, sie werden in jeweils 4 Stufen eingeteilt: erste Schritte, fortgeschritten, erfahren, vorbildlich.

Inzwischen erstellen bereits 50 Unternehmen diese Gemeinwohlbilanz, weil immer mehr Unternehmen erkennen, das sich ihre wirtschaftlichen Aktivitäten nicht gegen die Menschen richten dürfen. Auch das Internet trägt durch die Möglichkeit zur Transparenz und das Erfordernis nach Offenheit und Authentizität zu dieser Entwicklung bei. Da wo z.B. Banken weiter machen wollen wie bisher, reagieren Blogger wie z.B. Lothar Lochmeier in diesem Artikel und vor allem junge Unternehmer, welche alternative Finanzunternehmen und -produkte auf den Markt bringen. In der Gemeinwohlökonomie wird nur das Streben nach Gemeinwohl belohnt. Sie verabschiedet sich von der Wachstums Religion und so zitiert Christian Felber den US Ökonomen Kenneth Boulding mit den Worten:

Wer in einer begrenzten Welt an unendlichen exponentielles Wachstum glaubt, ist entweder ein Idiot oder ein Ökonom

Sehr interessant auf der gleichen Seite dieses sehr lesenswerten Buches der Vergleich mit der Natur. Auch die Natur kennt kein unendliches Wachstum, sie kennt nur eine optimale Größe und Wachstum ist nur ein Mittel, um diese optimale Größe zu erreichen. Wachstum wäre in der Gemeinwohlökonomie also nur noch ein Mittel und nicht mehr das Ziel an sich:

Wenn etwas klein ist, darf es gerne größer werden. Wenn ein Unternehmen aber hypertroph geworden ist, wie zum Beisiel eine systemrelevante Bank, ist das Wachstum, das zur optimalen Größe führt ein Negatives. In der Gemeinwohlökonomie wäre das kein Problem, weil es um das Wachstum von Nutzwerten – des Gemeinwohls geht, in der herrschenden Wirschaftsordnung ist es der Supergau. Monetäre Schrumpfung bedeutet Rezession und Depression

Ich empfehle die Lektüre des Buches. Beschenken Sie sich doch mal selber. Noch ist ja Zeit. Der Autor nennt au den Seiten 140- 158 auch 15 interessante Beispiele. Darunter auch die weltgrößte Genossenschaft Mondragon aus dem Baskenland. Zu dieser gehört auch eine Genossenschaftsbank mit dem Namen Caja Laboral Popular

Umdenken

Während ich diese Seiten schreibe, wartet die Welt auf ihren Untergang. Nein. Die Menschen, die über mindestens 12 Monaten von Medien und Co. auf ein Ereignis vorbereitet wurden, das eigentlich total unwahrscheinlich ist. Trotzdem beschleicht viele Menschen ein ungutes Gefühl. Medien und Unternehmen verdienen Geld mit einem Weltuntergang, den es wohl nicht geben wird. Das ist verrückt und es ist ein Ausdruck unseres Wirtschaftssystems, welches uns vor allem in den letzten Jahren gelehrt hat an den Supergau zu glauben. Sogar an den Weltuntergang.

Vielleicht nutzen wir die Weihnachtstage um umzudenken und uns für das nächste Jahr vorzunehmen unsere Welt Schritt für Schritt ein wenig besser zu machen. Menschen wie Christian Felber aber auch Douglas Rushkoff oder Umair Haque – um nur 3 von immer mehr kritischen Stimmen zu nennen – gehen voran und inspirieren uns. Eine Zeit großer Umbrüche braucht große Denker. Hier lohnt sich übrigens ein Blick in die aktuelle gdi-Impuls, die erstmals eine Thought Leader Map erstellt hat. Allerdings scheinen die großen Denker noch zu fehlen. Felber, Rushkoff und Haque sollten geeignete Kandidaten sein.

PS. Die Gemeinwohlökonomie arbeitet übrigens an der Gründung einer demokratischen Bank, die hofft im Jahr 2013 in Österreich eine Banklizenz zu erlangen. Vielleicht auch eine Inspiration.

Dieser Artikel wurde in großen Teilen vom Buch “Gemeinwohlökonomie von Christian Felber” beeinflusst und enthält Textpassagen, die sehr nah am Original des Buches sind. Das Buch können Sie hier erwerben. Oder auch hier

3 Gedanken zu “Es menschelt: Gemeinwohlökonomie

  1. Hallo Herr Janek,

    sie fassen für ihren Blog komplexe Themengebiete zusammen.

    Wenn ich einen inhaltlichen Wunsch hinsichtlich 2013 äußern darf, dann wäre es der nach Präzisierungen gerade dort, wo sich teilweise Widersprüche auftun bzw. vage “Gedankenskizzen” erste Konturen erhalten könn(t)en. Ich erlaube mir hierzu ein paar Anregungen:

    - Lässt sich das Bild, das Christian Felber von Banken bzw. deren Funktionen vermittelt (aus meiner Sicht sehr “bodenständig” und eher wenig “innovativ”) mit ihren gedanklichen Ansätzen zur “Bank von Morgen” in Einklang bringen?

    - Lässt sich bzw. wo lässt sich ein von Ihnen skizziertes “Community Funding” in einem Modell wie dem der Gemeinwohlökonomie einordnen?

    - Welche organisatorisch/strukturellen Änderungen oder Anpassungen wären bei der Sparda Bank München (um bei Ihrem Beispiel zu bleiben) notwendig, um das von Ihnen beschriebene “Community Funding” zu realisieren?

    und

    - Was ist “Community Funding”, bezogen auf eine Bank überhaupt?

    Ein Jahr wird vermutlich nicht ausreichen, in diesen Fragen “Klarheiten” zu schaffen aber ich bin sicher, Ihr Blog wird zahlreiche Ansätze zum Weiterdenken bieten. In diesem Sinne wünsche ich besinnliche Feiertage und einen guten Start ins Neue Jahr.

    Marc C.

    • Hallo Herr Connor,

      danke für Ihren Kommentar und für die wertvollen Hinweise. Leider bin ich nur ein “Part Time Blogger”. Ich hoffe aber, dass ich im nächsten Jahr Ihren Wünschen nachkommen kann. Vielleicht haben Sie ja auch die ein oder andere Idee für die Beantwortung ihrer fragen. Ich wünsche Ihnen in jedem Fall auch ein schönes Weihnachtsfest und ich denke, dass moderne Technologie und menschliches Wirtschaften sehr wohl zusammen gehen.

  2. Pingback: Statusbericht: Projekt Bank für Gemeinwohl | Finance 2.0

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