Ich wünsche mir Community Funding


Die crowd ist modern

Gemeint ist allerdings nicht die crowd, die beim Relegationsspiel zwischen F. Düsseldorf und Hertha BSC Berlin euphorisch auf den Platz stürmte, um nach 15 Jahren Abstinenz die Rückkehr in die Fussball Bundesliga zu feiern und vor der Mehmet Scholl und Herr Beckmann vom Fernsehen eine solche Angst hatten. Vor Mitleid hätte ich beinahe weinen müssen. Aber das ist hier nicht das Thema

Nein die crowd hat durch das Internet durchaus einen positiveren Ruf bekommen. Sie lässt sich offenbar sinnvoll einsetzen, obwohl mein Wörterbuch die crowd mit Begriffen wie Menge (neutral), Gedränge (unangenehm), Gewühl (unübersichtlich) oder auch Menschanauflauf (auch eher negativ) übersetzt. Weisheit wurde der Masse lange Zeit jedenfalls nicht zugetraut und auch heute erzeugt der Begriff überwiegend Angst. Beispielhaft sei die Angst vor den 99 % erwähnt.

Crowdsourcing und crowdfunding

Ohne das Buch “the Wisdom of the crowd” und konkrete positive Erfahrungen im Internet hätte Crowdsourcing und insbesondere crowdfunding und crowdinvesting keine großen Karriere Chancen im eher kritischen Deutschland. In den letzten Monaten kommt aber ein wenig Bewegung in die bisher eher übersichtliche deutsche Crowdfunding Welt (siehe hierzu). Vielleicht auch weil einigen Banken weniger vertraut wird oder weil sie  – aus Sicht vieler Unternehmer- ihrer Aufgabe zur Kreditversorgung der Realwirtschaft nicht mehr hinreichend gerecht werden. Im klassischen Crowdfunding Bereich, weil viele sinnvolle und notwendige Einrichtungen immer weniger Geldgeber finden und sich – davon ist auszugehen- Kommunen und Staat aus finanziellen Gründen von vielen förderungswürdigen Projekten verabschieden müssen.

Ich mag das Wort crowdfunding nicht

Ich will aber nicht verhehlen, dass ich den Begriff Crowdfunding nicht mag, und ihn lieber durch den inhaltlich wertvolleren Begriff “Community Funding” ersetzen würde. Sucht man in Online und Offline Lexika nach einer Definition von Community, dann kristallisiert sich hier die folgende Beschreibung heraus:

” Gemeinschaft, eine Gruppe von Menschen mit Zusammengehörigkeitsgefühl oder gemeinsamen Interessen”

Damit lässt sich arbeiten.

Mein Funding und Investment  Modell setzt dieses Zusammengehörigkeitsgefühl voraus, die gemeinsamen Interessen teilt es aber auch mit den Crowd Investoren. Das gemeinsame Interesse liegt dort ja immer häufiger  im “Return On Invest” , selten – und je abstrakter das Modell, um so mehr es also um die direkte Investition geht -auch um die inhaltliche Komponente einer Investition. Das ist bei Kultur und Kreativprojekten sicherlich anders, aber um so mehr das crowdinvesting in den Blickpunkt gerät, desto mehr kommt es nur noch als Surrogat für die klassische Bank daher.

Community Funding

Community Funding bezieht sich auf Zusammengehörigkeit und auch auf Region. Ich sehe es als Chance, eine breitere Bevölkerungschicht für diese Beteiligungs- und Finanzierungsform zu sensibilisieren und ihnen dadurch auch Möglichkeiten aufzuzeigen, sich wieder in lokalen Kontexten zusammen zu engagieren. Ein Gang durch meine eigene- recht geordnete und wohlhabende Gemeinde – zeigt mir beinahe täglich auf, dass es Bedarf für Community Funding Plattformen gibt, die gerade auch von regionalen Banken und Sparkassen betrieben werden könnten oder an welchen sie sich beteiligen könnten. Bei denen die Beteiligung aber nicht unbedingt aus Geld bestehen müsste.

Der Mensch- so meine These- entfernt sich trotz oder vielleicht sogar durch Social Media voneinander, trotz einiger beachtlicher Entwicklungen werden aber vor allem, die engen sozialen Beziehungen in den Städten und Gemeinden vor Ort immer oberflächlicher. Man kümmert sich nicht mehr umeinander. Martin Raymund vom “The Future Laboratory” konstatiert in einem spannenden Interview mit der Spex (Ausgabe Mai/Juni 2012), dass immer mehr Menschen beginnen, die Dinge wieder lokal zu denken. Es entsteht eine neue Sehnsucht nach Nachbarschaft und Gemeinschaft. Letztendlich entstammen erste Crowdfunding Ideen ja auch aus diesem Wunsch nach Gemeinschaft bzw. dem Wunsch gemeinsam Dinge möglich zu machen, die auf klassischen Wegen keine Chance gehabt hätten

Menschen beginnen – so Martin Raymond – nostalgisch zurückzublicken. In der Musik ist dieser Trend bereits in dem Buch Retromania bereits hinreichend beschrieben. Dies gilt sogar für die jungen Menschen, die an der ein oder anderen Stelle der Social Media Autobahnen überdrüssig werden, da hier Gestaltbarkeit und Veränderbarkeit nur einigen Wenigen und immer stärker vor allem einigen wenigen Unternehmen überlassen bleibt.

Der richtige Zeitpunkt für Community Funding

Community Funding käme deshalb zum richtigen Zeitpunkt.

Es wird regional investiert.

Menschen investieren in regionale Projekte, Unternehmen und Ideen. Sie geben dafür Geld, Arbeitskraft, Fähigkeiten oder auch einfach nur Zeit.

Sie gewinnen dadurch auch Einfluss auf die Ideen und sind nicht nur Investoren, die in erster Linie eine Rendite erzielen wollen.

Investitionen bleiben in der Region. Aus monetärer Sicht eher unattraktive Investitionen werden durch regionale Reputationswährungen attraktiver.

Einfluss entscheidet auch über gemeinschaftlich oder ökologisch erwünschte Zielrichtungen der Funding oder Investing Nachfrager.

Die Anbieter könnten mit Vorteilen belohnt werden, die sich nur regional einsetzen lassen. Wer z.B. auf irgendeine Weise in regionale Bildungsprojekte investiert bekommt hierfür Gutscheine, die er ansparen und für seine Betreuung im Alter einsetzen könnte.

In jedem Fall müsste mein Crowdfunding eher ein Community Funding sein. Wir müssen aufpassen, dass Crowdfunding schon bald nur noch ein zusätzliches Finanzprodukt ist, dass seinen USP lediglich in der Unabhängigkeit von einer Bank hat. Ich fände das schade!

6 Gedanken zu “Ich wünsche mir Community Funding

  1. Hallo Herr Janek,

    es scheint auch wünschenswert, dass die von Ihnen angesprochenen Impulse Einzug in die Entscheiderebenen sowohl der regionalen Bankengruppen als auch deren IT-Dienstleister halten, dort entsprechend “modelliert” und auf deren Praxistauglichkeit untersucht werden.

    Das von Ihnen angesprochene “Community Funding” entfaltet seine Wirkung u.a. durch den Einsatz von Technologie, die bisher von Banken, wenn überhaupt, dann nur zögerlich eingesetzt wird. Die Gründe hierfür sind vielfältig.

    Sollten Ihnen Ansätze, z.B. innerhalb der Gruppe der Volks- und Raiffeisenbanken bekannt werden, die die von Ihnen skizzierten Finanzierungsmethoden unterstützen würde ich mich freuen, in Ihrem Blog Näheres darüber zu erfahren.

    Bis dahin,

    mco

  2. Hallo Herr Janek und Herr Connor,
    ich bin gerade dabei meine Master Thesis zum Thema “Collaborative Finance” zu schreiben. Ich befasse mich dabei mit dem Thema, wie Genossenschaftsbanken Crowdlending (Crowdinvesting, Peer-to-Peer-Lending) als Ergänzung zur normalen Kreditvergabe umsetzen könnten.
    Der genossenschaftliche Gedanke würde dies ja fördern!
    Die MT wird im September 2012 an der Donauuni Krems in Österreich verteidigt und hoffentlich für gut befunden.
    Danach ist es möglich dass sie als Buch (in Zusammenarbeit mit IKOSOM) herausgebracht wird.
    MfG
    Robert Koch

  3. Pingback: Wieder etwas Neues « Finance 2.0

  4. Pingback: Crowdfinance: Banking für Menschen « Finance 2.0

  5. Pingback: Wenn Du mal nicht mehr weiter weißt, dann…. | Finance 2.0

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ photo

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s